Die zarte Verführung auf den Tasten

Clavichord-Konzert mit Sigrun Stephan in der ersten Museumsmatinee im Jahr 2015

Dieses Instrument putzt die Ohren frei und sensibilisiert das Hören: Denn das historische Clavichord, auf dem Thomaskantor Johann Sebastian Bach und seine heute oft schon vergessenen Musikkollegen im 17. und 18. Jahrhundert mehrheitlich wirkten, gilt als die „zarteste Verführung“ bei Tasteninstrumenten. Die Magie der Stille durchzog deshalb den Musikraum des Museums in Buer beim ersten Konzert im neuen Jahr. Zwei weitere Matineen (Philharmonisches Cello-Quartett und ein Liedprogramm mit MiR-Bassist Joachim G. Maaß) sind noch für 2015 geplant. Möglich ist die Reihe „Das andere Konzert“ bei freiem Eintritt durch die kontinuierliche Unterstützung der Volksbank Ruhr Mitte. Zu Gast beim ersten offiziellen Clavichord-Debüt in Gelsenkirchen war die in Duisburg lebende und dozierende Solistin Sigrun Stephan.

Bei Werken von Bach (Vater Johann Sebastian und Sohn Carl Philipp Emanuel), Johann G. Müthel, Christian Erbach, Johann Ph. Kirnberger, Nikolaus Ammerbach, Johann Kuhnau, Heinrich Scheidemann, Johann A. Reincken oder Johann K. Kerll u.a. durchschritt die fabelhafte Solistin fast 300 Jahre deutscher Musikgeschichte. Mit dem stilvoll ausgewählten, dramaturgisch stimmigen Programm ging es mit Sigrun Stephan auf eine Reise durch die damaligen Musikzentren der Höfe und Kirchen – von Augsburg und Leipzig, von Mölln und Hamburg, von Heidelberg und Berlin, von Naumburg und Schwerin beispielsweise. Renaissance, Barock sowie Sturm und Drang hießen die Epochen dieser Zeit der rasanten Entwicklungsschritte von der einfachen Harmonie bis zu komplizierten Fugen- und Sonatenstrukturen. So leise auch das Instrument – der Nachbau eines Silbermann-Clavichords von 1775 – klingen mochte, die Intensität des Spiels und die Virtuosität der improvisierten Verzierungen und Trillerketten litt in keinem Moment darunter. Das macht die solistische Kompetenz von Sigrun Stephan, die u.a. auch beim bestens bekannten Revier-Ensemble „Caterva musica“ als Cembalistin mitwirkt, aus.

Das Tasteninstrument, schon im späten 14. Jahrhundert nachgewiesen, besitzt eine ganz eigene Faszination als Vorstufe des heute populären Klaviers. Dessen Klangspektrum kann das mobile Clavichord nicht annähernd erreichen, aber dafür entwickelt es durch den Anschlag der Metallplättchen auf den Saiten eine schöne, markante Intimität. Diese stimuliert Sigrun Stephan mit ihrer Meisterschaft des Leisen – eine introvertierte Antwort auf die krawallige, hektische und dauerberieselnde Popkultur unserer Tage.

Eigentlich fehlten für dieses Konzert mit Hausmusikklima nur die Kerzen für eine historische Wiederbelebung der Musikkultur vom 15. bis 18. Jahrhundert. Sigrun Stephan wurde vom Auditorium mit anhaltendem Beifall verabschiedet. Abschließend gab sie noch den vielen Interessenten Erläuterungen rund um das selten gewordene Clavichord und dessen musikgeschichtliche Einordnung.
Jörg Loskill organisierte und moderierte wieder diese Matinee.


Für Ihren Terminkalender:

Am 31. Mai – 11.30 Uhr spielt ein Cello-Quartett mit Walter Gödde und Mark Mefsut u. a. „das andere Konzert“ im Kunstmuseum Gelsenkirchen bei freiem Eintritt ermöglicht durch die Förderung der Volksbank Ruhr Mitte.

 

Text: Jörg Loskill